Auf dem Weg zu einer weiteren Vertiefung

Der entscheidende Schritt

In Ausgabe 52/99 schrieb der Spiegel über die "Brüsseler Republik" gleich in der Einleitung: "Im 21. Jahrhundert wächst der europäische Bundesstaat heran. Er wird ein Multikulti-Staatsvolk von wenigstens 440 Millionen Menschen umfassen."

Dieser Vorhersage, deren Vorgeschichte im weiteren Verlauf mit verschiedenen Beispielen garniert wird, ist ein Zitat Jean-Claude Junckers, damals Premier Luxemburgs und heute EU-Kommissionspräsident, vorangestellt:

Portrait Jean-Claude Junckers mit einem Zitat zur Europäischen Union

Der "entscheidende Schritt hin zum europäischen Bundesstaat" sei es gewesen, so Redakteur Dirk Koch in seinem Beitrag, dass "die Nationen auf den Kern ihrer Souveränität, die eigene Währung, zu Gunsten des Euro verzichteten."

Optimistisch zeigt sich Koch zum Abschluss seines Beitrags hinsichtlich der emotionalen Weiterentwicklung. Der Bundesstaat Europa werde "sogar eine Art Multikulti-Staatsvolk" aufweisen. Sein Kronzeuge ist der direkt und indirekt zitierte Juncker: Denn hielten die Leute ab 2002 erst einmal die Banknoten und Münzen des Euro in den Händen, dann bilde "sich bald ein neues Wir-Gefühl: wir Europäer".

Zeitsprung: 2017

Ein, zwei Krisen und die ein oder andere Wahl mit nicht oder nur knapp genehmen Ausgang später steht die Europäische Union vor der Frage, was die nächsten Schritten sind. Konkret: Seit Emmanuel Macron "am vergangenen Sonntag zum französischen Präsidenten gewählt wurde, wird in ganz Europa darüber diskutiert, wie es mit der Währungsunion weitergehen soll" schreibt Mark Schieritz am 11. Mai in seiner Zeit-Kolumne Fünf vor acht / Eurozone – Macron räumt mit deutschen Illusionen auf.

Das grundlegende Problem einer Währungsunion sei so Schieritz, dass die Wirtschaft einzelner Mitgliedstaaten nicht einfach durch die Abwertung des Wechselkurses oder "frisches Geld" ausbalanciert werden könne. Es gebe aus seiner Sicht "im Kern drei Möglichkeiten", die er anschließend skizziert, wie Gefahren für die wirtschaftliche Stabilität begegnet werden könne.

Mit seinem Fazit schließt sich dann der Kreis zu Junckers Zitat: "So räumt der Wahlsieg von Emmanuel Macron also so oder so mit einer Illusion auf, die sich vor allem in Deutschland hartnäckig hält: dass Staaten eine Währung teilen können, ohne füreinander einzustehen."

Quelle Hintergrundbild: pixel2013 / Pixabay (CC 0 Public Domain)
Quelle Portrait: EU2016 SK [CC0], via Wikimedia Commons