„Bauernstämme mit der Brille des urbanen Anthropologen“

Die Autorin des Beitrags Österreich – Die Rechten auf dem Lande (Zeit, 8. November 2017) hat möglicherweise übersehen, dass Abweichungen von der Norm auch in Städten geahndet werden.

Ansonsten ein paar gesammelte Gedanken, die sich andere Menschen zu dem Text gemacht haben:

  • Für die Autorin seien offenbar bereits großstädtische Randbezirke wie Reinickendorf (Berlin), Aubing (München), Porz (Köln) oder Fuhlsbüttel (Hamburg) „feindliches Ausland“. Basis dieser Feststellung ist ihre Feststellung, dass eine Freundin „es nicht wage, ins Umland Berlins zu ziehen“.
  • Ansonsten fällt auf, dass man „früher“ bestimmte äußerliche Merkmale (etwa sehr, sehr kurzes Haar oder weiße Schnürsenkel) gebraucht habe, um ein eindeutiges Etikett zu bekommen. Heute reiche es scheinbar aus, „konservativ und katholisch“ zu sein – was „erstens absurd“ und zweitens eine Verharmlosung von „damals“ sei.
  • Bei Menschen wie der Autorin handele es sich um „Kiezjournalisten in einer hippen und urbanen Filterblase, die einmal im Jahr in die Provinz des Berliner Umlands fahren und dort die authochthone Bevölkerung ethnologisch studieren, wie weiland die Kolonialherren“. Beredter Ausdruck seien Bücher wie etwa „Deutschboden“ von Moritz von Uslar (siehe z.B. hier auf Amazon).
  • Die Autorin schreibe etwas von der faschistischen Bildung des „WIR“, das andere ausgrenzen müsse, damit es funktioniere – was zumindest 2013 bei der SPD noch kein Problem war, siehe „Das Wir entscheidet“ – SPD klaut Wahlkampf-Motto von Zeitarbeitsfirma ( Focus am 10. April 2013).

Speziell der Abschnitt

„In vielen ländlichen Regionen Österreichs haben länger als anderswo katholisches und ... fortlebendes Nazi-Denken die Norm gesetzt. Das Ausgrenzen aufgrund geringster Abweichungen ist mir seit daher vertraut. Ungehörig waren ausländisch klingende Akzente; die sexuelle Freizügigkeit kinderreicher Familien;...“

hat Rückmeldungen provoziert:

  • Die Autorin kenne sich mit den Verhältnissen auf dem Lande „ja hervorragend“, heißt es ironisch. Aus eigener Anschauung sei „das Ausgrenzen kinderreicher Familien kein Charakteristikum der katholischen Bevölkerung auf dem Dorf“.
  • Werde man nicht von den „Prenzlauer-Berg-1-Kind-Muttis“ abgestempelt, sobald man 3 Kinder oder mehr habe, lautet eine Gegenfrage.
  • O-Ton: „Kinderreichtum mit sexueller Freizügigkeit verbinden – unsere Urgroßeltern waren also sexbesessene Hippies“.

Fazit

Ein Gesamturteil lautet, dass „Bauernstämme mit der Brille des urbanen Anthropologen“ begutachtet würden, „subjektiv Erlebtes“ mit „flachen Klischees“ gemischt werde, der Text faktenfrei sei und man „selten so einen intellektuellen Müll“ gelesen habe.

PS: Die Verbindungslinie von Katholizismus und Nationalsozialmus, besteht zumindest in Deutschland in der Form nicht, wie sich an den Reichstagswahlen 1932/33 sowie der Verteilung von protestantischer zu katholischer Bevölkerung nachvollziehen lässt. Auf Cicero gibt es einen undatierten Fließtext, der den Zusammenhang als Bleiwüste näher erläutert. Auf der Website historisches-lexikon-bayerns.de indes gibt es im Artikel „Deutsche Zentrumspartei (Zentrum), 1869/71-1933“ die Karte „Wahlverhalten der katholischen Bevölkerung Deutschlands 1932-1933“, die recht deutlich recht weiße Flecken für die NSDAP vor allem im katholischen Westen und Südwesten aber auch in dem kleinen katholischen Teil Ostpreußens zeigt.