Correctiv und der Jungfernstieg

In dem längeren Faktencheck: Nein – Regierung hat Berichterstattung im Mordfall Jungfernstieg nicht verboten setzt sich Correctiv umfangreich mit einem Hamburger Doppelmord auseinander. Auch wenn im Grundsatz die zu überprüfende Ausgangsaussage "Merkel verbietet Berichterstattung" widerlegt wurde, ist der Text selbst nicht so makellos, wie es für ein der vollumfänglichen Wahrheit verpflichtetes Recherchekollektiv sein sollte.

Konkret: Zwar wurde gegenüber Correctiv seitens der Hamburger Staatsanwaltschaft bestätigt, dass das Kleinkind „aufgrund schwerer Schnittverletzungen am Hals verstarb.“ Später wird die Hamburger Oberstaatsanwältin Nana Frombach mit der Aussage „Erst wenn es zu einer gerichtlichen Anklage kommt, werden Details zum Tathergang der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“ zitiert. Auch wenn das Vorgesagte jetzt nicht so eindeutig klingt, folgt im Text daraus dennoch die Schlussfolgerung: "angebliche Enthauptung des Babys".

Eigentlich ist sogar der ganze Abschnitt unscharf. Denn wenn

"Medien hätten über den Mord an der Mutter, nicht jedoch über eine angebliche Enthauptung des Babys berichtet, ist nicht ganz richtig"

geschrieben wird, aber die nachfolgenden Passagen

So schrieb beispielsweise die „Hamburger Morgenpost” bereits am Tattag über den Mord an dem Kind: „Laut Polizei verstarb das Kleinkind aufgrund der schweren Verletzungen noch vor Ort. Der Täter habe ‘sehr massiv auf beide eingestochen.’” Und auch das „Hamburger Abendblatt” schrieb: „Das einjährige Mädchen verstarb aufgrund der schweren Stichverletzungen.” Lediglich von einer, von den Behörden bisher nicht bestätigten, Enthauptung war nicht die Rede.

Ebenso berichteten der „NDR”, „stern”, „Zeit”, und zahlreiche andere deutschsprachige Medien über den Doppelmord.

sich explizit auf Stichverletzungen beziehen bzw. nur allgemein über den Doppelmord Bericht erstatten (sollen), obwohl doch die Hamburger Staatsanwaltschaft gegenüber Correctiv bestätigte, dass das Kleinkind „aufgrund schwerer Schnittverletzungen am Hals verstarb“, wird eher die Ausgangsaussage bestätigt.

Ansonsten sei die Frage gestellt, ob a) die Correctiv-Recherche zwar umfangreich war, die Ergebnisse aber nur selektiv verwendet wurden, b) nicht so gut von Correctiv recherchiert wurde, wie es eigentlich das Ziel ist, oder c) die Journalistenkollegen von Telepolis aus dem Heise-Verlag unsauber arbeiten. Denn dort erschien am 26. April der Artikel Paparazzi-Paragraf zur Einschüchterung missbraucht? Hamburger Justiz unter Druck, in dem aus dem Durchsuchungsbefehl des Hamburger Amtsgerichts (Seite 2, im Text verlinkt) zitiert wird: Der Täter habe

"seiner in einem Kinderbuggy sitzenden einjährigen Tochter in Tötungsabsicht und zur Durchsetzung seiner Macht- und Besitzansprüche mit einem unvermittelt aus seinem mitgeführten Rucksack gezogenen Messer von hinten einen Stich in den Bauch versetzt und ihr anschließend den Hals nahezu vollständig durchtrennt."

Ergänzend noch einmal zu c): Ob sich Correctiv mit der Passage "Im Netz kursierten Ende April ein angeblicher Durchsuchungsbeschluss sowie ein Durchsuchungsprotokoll" explizit auf den bei Telepolis verlinkten Beschluss bezieht, geht aus dem Artikel nicht hervor. Bei Telepolis gab es jedenfalls keine Klarstellung, einem Fake aufgesessen zu sein.

Aber möglicherweise gab es auch neue Erkenntnisse zwischen Durchsuchungsbeschluss und aktueller Correctiv-Recherche, die naturgemäß Anfang Juli deutlich umfangreicher sein können als Mitte April.