Die Wikipedia in den Nachrichten, Teil 2

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Nach dem ersten Teil erscheint mit ziemlicher Latenz nun der zweite Teil. Beleuchtet werden u.a. der Umgang mit Personenartikeln, das Veralten von Inhalten und Manipulationen.

Art. 13

Obwohl „Artikel 13“ recht unspezifisch ist, findet sich bei der deutschsprachigen Wikipedia keine übliche Begriffsklärungsseite, sondern direkt eine Weiterleitung auf den Artikel (bzw. Abschnitt) Richtlinie (EU) 2019/790 (Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt) > Lizenzierungspflicht und Upload-Filter. Insofern sei hier auf weitere inhaltliche Erklärungen verzichtet. Indes ist zeithistorisch relevant, dass die deutschsprachige Wikipedia als spektakuläre Werbemaßnahme gegen diese Richtlinie für einen Tag dezidiert politisch war und sich selbst abgeschaltet hat.

Eine Mischung aus Glosse, Kolumne und Meinungsbeitrag („Wikipedia-Sendepause – Wo steht noch mal das Lexikon?“) gab es am 21. März 2019 beim Spiegel, während sich der Tagesspiegel einen Tag später direkt für die Glosse entschied („Wikipedia abgeschaltet – Protest!“) und die FAZ einen weiteren Tag später im Feuilleton festhielt, dass der „Blackout“ die „Sache einer Minderheit“ war.

Sachbezogen schrieb die Welt am 21. März über die Alternativen.

Veralten

Binnen eines Monats gab es im Februar und März 2019 gleich drei verschiedene Artikel, die sich dem grundsätzlichen Problem auseinandersetzten, dass Inhalte veralten (können).

T3n konstatierte am 18. Februar, dass die Wikipedia aufgrund von Uraltartikeln mit der Aktualität kämpfe. Am 12. März machte der SWR das deutlich größere Fass auf, dass die Wikipedia „veraltet, manipulativ und fehlerhaft“ sei, weshalb die Frage auftauche, ob ihr noch zu trauen sei. Sechs Tage später entschied sich Chip für die Feststellung, dass das Wartungsproblem immer größer werde.

Manipulationen

In ihrem Meedia-Podcast vom 24. Jänner 2020 tauschen sich Christian Meier von der Welt und Meedia-Mann Stefan Winterbauer u.a. mit der Welt-Journalistin Christina Brause über „Fluch und Segen der Wikipedia“ aus. Aus dem Interview stammt auch die Überschrift des Online-Beitrags: „Bei Wikipedia gibt es immer wieder Manipulationen“.

Wikipedia sei „Lügen mit System“, so Christina Brause, Welt-Redakteurin Investigation & Reportage, in ihrem „Plus“-Artikel vom 22. Jänner 2020. Als Einstieg wählt sie die Bearbeitungen am Personenartikel von Juliane Nagel.

Über „gekaufte Wahrheiten“ schrieb die SZ am 25. Juni 2019.

Über die Manipulationen am Artikel von Claas Relotius war schon im Blogbeitrag Eine Aktualisierung zur Causa „Claas Relotius“ vom 10. November 2019 etwas zu lesen. Der Vollständigkeit halber sei aus diesem Zeitraum beispielhaft noch einmal der Welt-Beitrag „Die Relativierung des Relotius-Skandals auf Wikipedia“ vom 8. November erwähnt.

Personenartikel

Die Zeitung mit den großen Buchstaben schrieb am 15. Jänner 2020 (hier auf archive.is übrigens auch hinterlegt) über frisch angelegte Personenartikel zu Kandidaten der Münchner Oberbürgermeisterwahl. In der Überschrift verstieg sich das Medium dabei zu der gewagten Aussage „Wikipedia mobbt unsere Kandidaten“. Für ein Boulevardmedium gehört es ja üblicherweise zum „guten Ton“, Sachverhalte gelegentlich zu überspitzen, geht aber an der Sache vorbei – Artikel zu Kandidaten werden fast immer gelöscht, unabhängig von dem angestrebten Amt/Mandat, der Partei oder dem Geschlecht.

Einen anderen Aspekt beleuchtet Vol.at aus Vorarlberg am 5. Februar 2020 anhand des Personenartikels über Adi Goss von den österreichischen Grünen. Von einer IP-Adresse aus sollte einer ganzer Absatz gelöscht werden, der aus Gross' Sicht „Halbwahrheiten“ transportiere. Die Änderung wurde indes abgelehnt, da sie a) nicht begründet war, b) eine Menge Quellen sonst gelöscht worden wären und c) das Löschen des Absatzes nach unerwünschtem „Whitewashing“ ausgesehen hätte.

Deutlich heftiger als bei den Münchner OB-Kandidatinnen war die Diskussion innert der Wikipedia ein paar Monate zuvor, als es um weibliche Autoren bzw. entsprechende Listen ging. Nachlesen lässt sich das bei der Welt in einem Artikel vom 1. August 2019. Kontextuell passend sei dazu übrigens auf den RBB-Text vom 9. November 2019 hingewiesen, dessen Überschrift „Wikipedia hat es eher mit den Männern“ lautet.

Der Artikel über Donald Trump sei ein „Digitales Kriegsgebiet“, schreibt Der Standard am 2. Februar 2020.

Sonstiges

Nach beinahe 1.000 Tagen ist die Wikipedia in der Türkei wieder erreichbar, so Der Spiegel am 16. Jänner 2020.

Über „Licht und Schatten einer großartigen Idee“ schrieb die SZ am 23. Oktober 2019.

Der Humanistische Pressedienst (HPD) veröffentlichte am 16. September 2019 einen interessanten Bericht, der mit vergleichsweise wenig Fehlern für Außenstehende recht nachvollziehbar das System der Wikipedia erläutert. Ergänzungen finden sich in den Kommentaren – beispielsweise zu „Wikihausen“ oder dem „Schwarzbuch Wikipedia“.

Eine ganz andere, deutlich technischere Bestandsaufnahme hat Scinexx – das Wissensmagazin am 25. November 2019 veröffentlicht. Es geht dabei um die „Bots von Wikipedia“ bzw. die „Eingriffe, Rechte und Entwicklung der Wikipedia-Algorithmen“.