Entwicklungspolitik, Klima, Babyboomer, Journalismus, Terror, Politik

Sieben Beobachtungen und Notizen zu unterschiedlichen Themen.

"Everything but Arms"

Und während der deutsche Entwicklungsminister Zollfreiheit für afrikanische Güter fordert (siehe z.B. den Beitrag Handel mit EU – Entwicklungsminister Müller fordert Zollfreiheit für afrikanische Produkte auf Spiegel.de am 8. August)...

...informiert beispielsweise die englische Wikipedia bereits seit 2005 über die seit 2001 gültige EU-Initiative Everything but Arms (und darüber hinaus die tschechiche, die estnische, die spanische, die französische und die chinesische Wikipedia). Die Vereinten Nationen machen das beispielsweise via Preferential Market Access – European Union Everything But Arms Initiative seit dem 28. Dezember 2016.

Kern des Programms: "Least developed countries", von denen einige in Afrika liegen, dürfen mit einseitigen Zollpräferenzen alle Waren außer Waffen in die EU importieren.

Falls die vorgenannten Links zu fremdsprachlich sein sollten: Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hat bereits am 25. Mai 2001 den Beitrag "Alles - außer Waffen" veröffentlicht, der sich umfangreich mit dieser EU-Inititative beschäftigt.

"allenfalls ein pathologischer Ignorant"

Am 19. Oktober 1984 hielten Günter Haaf, Reiner Klingholz, Irene Mayer-List und Regina Oehler in dem Zeit-Artikel ...und weiter sterben die Wälder fest:

"Fünfzig Prozent der bundesdeutschen Forste sind krank. [...] An der Verläßlichkeit der Schadenserhebung gibt es nichts zu deuteln. [...] Am Ausmaß des Waldsterbens könnte heute nicht einmal der ungläubige Thomas zweifeln, allenfalls ein pathologischer Ignorant."

34 Jahre später analysierten Nick Reimer und Dagny Lüdemann am 8. August 2018 für die Zeit: Klimawandel: Bald gibt es kein Zurück mehr.

Schon Mitte Dezember 2016 bezog sich Michael Miersch für die salonkolumnisten auf den Zeit-Artikel von 1984: Postfaktische Warm-ZEIT. Ob seine Einschätzung, die sich bereits in der Überschrift ausdrückt, auch auf den 2018er-Beitrag zutrifft, lässt sich nur selbst erarbeiten, wenn mal alle Artikel auch selber liest.

Generation Babyboomer

An anderer Stelle in verschärfter Form gefunden (hier ohne Quellenangabe) und vielleicht immer noch etwas überspitzt und generalisierend, aber liegt nicht vielfach in jedem Spott auch ein Gran Wahrheit?

Generation Babyboomer:

  • verantwortlich für die Demographie
  • verantwortlich für das Sozialsystem
  • verantwortlich für den hiesigen Industriestandort
  • lässt sich ihr bevorzugtes Fernsehprogramm solidarisch finanzieren
  • erhöht sich regelmäßig die Rentenansprüche
  • versucht präventiv mit einer Dienstpflicht dafür zu sorgen, dass sie später fremdgepflegt wird, weil sie es verabsäumt hat, einen privaten Generationenvertrag fortzuschreiben
  • schaut spöttisch auf die Millennials, die die vorgenannten Punkte finanzieren sollen
  • hat die Millennials erzogen

Quellenangaben sind selten verkehrt

In Journalismusschulen bzw. -kursen lernen angehende Textarbeiter, dass "Hund beißt Mann" keine Meldung sei – "Mann beißt Hund" dagegen schon. Mit diesem Grundwissen dürfte wahrscheinlich der MoMa-Beitrag "Integration in Templin schleppend" vom 19. Februar 2016 (noch bis 18. Februar 2020 in der Mediathek) erarbeitet worden sein, dessen inhaltliche Schwerpunktsetzung im Teaser offensichtlich wird:

"Erfolge, aber auch Enttäuschungen in Templin - 80% der Asylbewerber brechen ihre Praktika ab. Doch Ahmad Shirzay hat seine Chance genutzt. Er hat gute Aussichten auf eine Stelle als Auszubildener." (sic!)

Problematisch ist jedoch, dass dieses Video ohne Quellenangabe am 6. August von der Facebook-Seite "Schlagzeilen, News, Einzelfälle & Öffentlichkeitsfahndungen" alias "Buntlandnews" in Umlauf gebracht und einen Tag später von dem renommierten Filmemacher Imad Karim (mehr auf Wikipedia) mit einem Kommentar verbreitet wurde.

Für den unbedachten Beobachter, der sich nicht selbst auf die Quellensuche macht, könnte so der Eindruck entstehen, hier würde ein aktueller Beitrag geteilt. Wie sich die Situation in den zweieinhalb Jahren seit Februar 2016 entwickelt hat, wird jedenfalls nicht thematisiert.

Das Zitat im Journalismus

Es soll ja Journalisten geben, die nutzen Zitate, um andere sagen zu lassen, was sie gerne selbst sagen würden. Andere wiederum geben Zitate rein dokumentarisch wieder. Und eine dritte Gruppe lässt Zitate unter den Tisch fallen, wenn sie nicht zur avisierten Botschaft passen.

Mit welcher Motivation die nachfolgende Passage in einen Artikel über den regionalen Wahlkampf einer Volkspartei gerutscht ist, kann mit Sicherheit nur der Autor sagen:

Es ist nicht so, dass die Deutschen fremdenfeindlich wären, erst recht nicht in Hessen. Auch stimmt es, dass Hessen mit den Flüchtlingen gut zurechtkam. Aber es ist auch nicht so, wie Bouffier sagt, dass die Migration kein Thema sei. Selbst die Polizisten auf seiner Reise reden darüber und machen schlechte Witze, etwa den von einem Syrer und einem Türken, die morgens durch die Wiesbadener Innenstadt laufen. Fragt der Syrer, wo die Deutschen seien. Sagt der Türke: Die müssen arbeiten.
Volkspartei: Die CDU kämpft gegen die AfD – und mit sich selbst (Handelsblatt, 6. August)

War on Terror

Blogs schließen und Kindergärten schwärzen Gesichter auf Fotos wegen "Datenschutz" – und im Gegenzug dürfen Sachbearbeiter Kontoverbindungen abfragen und sonstige Details der persönlichen Lebensführung.

Nur die älteren erinnern sich noch an den Aufstand bei der Volkszählung in der Bundesrepublik Deutschland 1987, aber da gab es ja noch nicht die heutigen Gründe zur Legitimation.

Hintergrund: Kampf gegen den Terror: GroKo weitet digitale Überwachung aus – BKA kündigt Zugriff auf verschlüsselte Kommunikation an (Handelsblatt, 6. August)

Ein Politiker, zwei Sichtweisen

In den Meta-Tags (Title), sichtbar beispielsweise in der Vorschau der Google-Suche bzw. als Titel im Browser-Tab, schreibt die altehrwürdige Wochenzeitschrift Zeit:

Philipp Amthor: Als hätte sich jemand einen Konservativen ausgedacht

Die tatsächliche Überschrift des Artikels vom 2. April lautet dann vergleichsweise salopp Philipp Amthor: "Hören Sie mir mal zu".

Ganz anders das konservative Pendant als wöchentlich erscheinendes Medium: Gleichlautend zur Überschrift heißt es bei der Jungen Freiheit am 4. August auch in den Meta-Tags kurz und bündig Muttis Bubi.

Wenig überraschend dürfte für lebenserfahrene Menschen dann sein, dass die Artikel inhaltlich einem roten Faden folgen, dessen Richtung durch die jeweilige Überschrift bereits vorgeben wurde.

PS: In dem Beitrag Die Union und die AfD : Auf der Suche nach dem Zaubertrank (FAZ, 5. Juni) bezeichnet die FAZ Amthor "als durchschlagskräftige rhetorische Waffe gegen die Herausforderung von Rechtsaußen", begeht aber im Einleitungsteil mit der Formulierung "zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine Partei rechts von der Union" den politik- und geschichtswissenschaftlichen Fehler, die frühen Jahre der Bundesrepublik von 1949 bis 1998 auszublenden.