Gangster-Rap, Heino und Heimat

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Neulich ging es hier ja um das Video von Tarek von K.I.Z., in dem er zu poppigen Klängen Tarantino-mäßig Politiker erschlägt, die teilweise verdächtig an das Führungspersonal einer vergleichsweise jungen Partei erinnern.

Gangsterrapper

Während in diesem Fall von optischer Gewalt die Medien erstaunlich stumm blieben, hatten andere Rap-Künstler weniger Glück – oder mehr Erfolg, wenn die Menge an Medienberichten als Gratis-PR verstanden wird.

Im Sommer 2013 war es der Berliner Rapper Bushido, der mit seinem Song „Stress ohne Grund“ für Aufsehen sorgte. In dem Stück finden sich Passagen wie

„Halt die Fresse, fick die Presse, Kay, du Bastard bist jetzt vogelfrei
Du wirst in Berlin in deinen Arsch gefickt wie Wowereit
[...]
Ich verkloppe blonde Opfer so wie Olli Pocher
[...]
Ich schieß auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz“

die nur bedingt zu einem Künstler passen, der seit 2011 Träger des „Integrationsbambis“ ist (siehe dazu den damaligen Bericht des Stern.

Nennenswerte Auswirkungen im „echten Leben“ hatte der Text indes nicht. Anders bei Farid Bang und Kollegah im Jahr 2018, die für „Jung, brutal und gutaussehend 3“ mit dem Musikpreis „Echo“ ausgezeichnet wurde.

Von den beiden gibt es Textpassagen wie die folgenden

„Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen.“
„Mit dem Sprengstoffgürtel auf das Splash-Gelände. In die Menschenmenge und kill sechzig Menschen.“
„Nach einem Schlag denkst du, dich hätt ein Lkw überfahr’n. Als wärst du aufm Weihnachtsmarkt.“

von denen insbesondere die erste immer im Kontext mit der „Echo“-Verleihung zitiert wurde.

Aufgrund des desaströsen Echos in Medien, Politik und vielleicht auch Gesellschaft wurde der Musikpreis „in seiner bisherigen Form“ eingestellt (beispielhaft Welt von April 2018), auch wenn die „antisemitischen oder frauenverachtenden Verse“ nicht strafbar seien (Tagesspiegel, Juni 2018).

Es folgt ein Wechsel des Genres, der mediale Aufruhr indes war vielleicht ein wenig größer – auch wenn die Lieder keine Neuschöpfungen sind und inhaltlich in ganz anderen Gefilden segeln.

Es geht um Heino, den blonden Barden mit der markanten Sonnenbrille.

Heino und Heimat

Am 22. März 2019 berichtete die SZ auf Basis einer Arbeit der Westdeutschen Zeitung, dass Heino der NRW-Heimatministerin anlässlich des „NRW-Heimatkongresses“ in Münster eine Schallplatte mit „Heimat- und Vaterlands“ geschenkt habe – aber mit dem „Steigerlied“ nur eines der 24 Stücke einen Bezug zum Bundesland habe. Deutlich mehr Titel indes seien auch im „Liederbuch der SS“ zu finden, darunter

  • das 1812 von Ernst Moritz Arndt verfasste Gedicht „Vaterlandslied“, dass in der Vertonung von Albert Methfessel unter dem Titel „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ ungleich bekannter ist,
  • das zum „Oktoberfeuer“ 1814 am Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig gedichtete Lied „Flamme empor“ und
  • das Volks- und Studentenlied „Wenn alle untreu werden“ (1814).

Die SZ indes nennt nur die(se) Liedtitel, die „einst die Nazi-Schergen gesungen hatten“, ohne etwas zu den Liedern selbst zu schreiben. Zum Kongress selbst ergänzt das süddeutsche Medium, dass „der Heimatkongress zum Beispiel [...] in einem Arbeitskreis engagiert nach Wegen für eine bessere Integration von Flüchtlingen gesucht“ hatte – und der Barde „und seine Lieder aus braunen Zeiten [...] diese Anstrengungen nun in den Schatten“ stellten.

Gegenüber der Bild-Zeitung erklärte Heino laut Focus vom 23. März 2019, die Lieder könnten „doch nichts dafür, wenn sie instrumentalisiert worden“ seien. Ob es jetzt eine eigene Recherche des Focus ist oder ein abgeschriebener Fakt aus einem anderen Blatt bleibt offen, aber das Wochenblatt aus München führt noch einmal aus, dass Heino „in Südafrika seinen Schlager „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ zum Besten gegeben“ und für den „damaligen badenwürttembergischen Ministerpräsidenten und einstigen NS-Marinerichter Hans Filbinger (CDU) [...] alle drei Strophen des Deutschlandlieds“ gesungen habe.

Einschub: Von „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ sind „zahlreiche Text- und Melodievarianten seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bekannt“ (Wikipedia), was die Deckungsgleichheit von „braun“ und „schwarzbraun“ eher unwahrscheinlich macht. Auf einem Server der Universität Köln ist eine Ausarbeitung hinterlegt, die „schwarzbraun“ präzisiert:

„Das Motiv des schwarzbraunen Mädchens kommt in vielen Volksliedern seit
dem 16. Jahrhundert vor. Es beschreibt einen zupackenden, herzhaften Typus,
der auch der körperlichen Liebe ganz und gar nicht abgeneigt ist. Das Gegenbild
ist die spröde, blonde Frau, die meistens auch einen höheren sozialen Rang einnimmt.“
Barbara Boock (Freiburg): „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich“ – Nachforschungen zu einem umstrittenen Volkslied“, in: ad marginem – Randbermerkungen zur Musikalischen Volkskunde, 2001, Seite 4

Auf Wunsch der damaligem Verteidigungsministerin, siehe hier auf Spiegel.de im Mai 2017, wurde das Lied für das Bundeswehrliederbuch dennoch auf den Index gesetzt.

Weiter im Text...
Wem der Beitrag der SZ zu kurz vorkommt, sollte beim Original vorbeischauen, sprich dem WZ-Artikel vom 20. März 2019. In diesem Text wühlt Ulli Tückmantel noch viel tiefer und stellt beispielsweise fest, dass von den Liedern „mindestens fünf in allen Auflagen des SS-Liederbuchs“ enthalten seien und „Märkische Heide“ häufig „auf Schallplatten-Pressungen des Horst-Wessel-Lieds als B-Seite“ Verwendung fand. Gleichwohl konstatiert Tückmantel in einem mittleren Absatz:

„Indiziert oder verboten ist keines der Stücke auf dem Heino-Album.“

Geht es nach FAZ vom 22. März 2019 ist die Sache jedoch auch ohne rechtliche Einordnung eindeutig: denn

„Heino verschenkt Platte mit Lieblingsliedern der SS“
so die wenig subtile Überschrift.

Welchen Aufruhr der Barde in der Medienlandschaft provoziert hat, zeigt sich beispielsweise beim Stern. Das Hamburger Wochenblatt, das mit seinen gefälschten Hitler-Tagebüchern die Vorlage für den Film „Stonk“ gegeben hat, widmete der Causa am 23. März gleich zwei längere und auch unterschiedliche Texte – die mit einem Abstand von rund einer Stunde erschienen. Um 14:15 Uhr blieb der Beitrag voll im Duktus der anderen Texte (Heimatkongress, Liederbuch, etc. pp.).

Der zweite Beitrag von 15:20 Uhr indes ist ein glasklar als solcher zu erkennender Meinungsbeitrag, der sich nicht unter dem Deckmantel eines vermeintlich objektiven Journalismus bemüht, Haltung zu zeigen. Kulturredakteur Carsten Heidböhmer bezieht klare Stellung in zweierlei Richtung. Einmal gegen Heino, dem es „schon immer an Sensibilität im Umgang mit der deutschen Geschichte gefehlt“ habe und für Filbinger alle drei Strophen sang und „dabei aus voller Brust 'Deutschland, Deutschland über alles'“ intonierte. Andererseits gegen die Aufregung:

„Und so ist auch der jüngste Skandal um den Musiker bei genauerem Hinsehen nicht mal ein Skandälchen [...] Keines der auf dem 24 auf dem Doppelalbum eingesungenen Lieder hat ihren Ursprung in der NS-Zeit [...] Kritik daran hätte man aber 1981 äußern sollen, als die Platte erschien. Dass diese Musik Jahrzehnte später für Aufregung sorgt, hat vermutlich andere Ursachen, die mit Heino wenig zu tun haben.“