Gedanken zur Sklaverei

„Auch in der heutigen Welt gibt es noch die Sklaverei in ihrer übelsten und unmenschlichsten Form“ – so stieg ein namentlich nicht näher erwähnter Spiegel-Autor in seinen Text ein und zitierte dabei einen Sonderausschuss der Vereinten Nationen, der sich fünf Jahre zuvor auf diese Art „entrüstet“ gezeigt hatte. Wie alt sind der Text bzw. das Zitat?

Forderung an die USA

Bevor die Frage beantwortet wird, erst einmal ein deutlich aktuellerer Beitrag aus der Washington Post, der 2016 veröffentlicht wurde. Die „United Nations' Working Group of Experts on People of African Descent“, die an Hohen Kommissar für Menschenrechte berichtet, kam zu dem Schluss, dass die Vereinigten Staaten den Afroamerikanern in ihrem Land „Reparationen“ schulden.

„Afrotürken“

Es ist auf keinen Fall zynisch gemeint, auch wenn es ohne Kenntnis des gleich folgenden Links vielleicht erst einmal so klingt... Diese Feststellung, dass die USA Reparationen zu leisten haben, hat möglicherweise damit zu tun, dass recht viel Wissen vorliegt. In der Türkei ist das anders.

Die „zehntausende Afrotürken“ als Nachkommen afrikanischer Sklaven seien ein „vergessenes Erbe“ im Land von Recep E., wie der Focus 6. August 2016 dokumentiert hat. Zwar gebe es im Lehrplan der Schulen „einige Elemente des osmanischen Sklavensystems“, wird ein „Afrotürke“ zitiert, aber „über den afrikanischen Sklavenhandel“ stehe dort nichts.

Wikipedia zur „Sklaverei im Islam“

Ein größerer Zusammenhang über Sklaverei im Islam findet sich indes bei der Wikipedia. Im Abschnitt über die „Praxis der Sklaverei in der Geschichte“ stehen hierzulande selten thematisierte Sachverhalt, darunter dass

  • „hellhäutige Europäer begehrtes und gewinnbringendes Handelsgut mit Al-Andalus“ waren,
  • „wichtigste Zentren des Handels und der Verteilung [...] Verdun im Westen und das böhmische Prag im Osten“ waren,
  • die „jungen gefangenen männlichen Slawen über Kastration in die in der islamischen Welt besonders begehrten und entsprechend teuren Eunuchen verwandelt wurden“ und
  • die „Erträge aus dem Sklavenhandel mit der islamischen Welt [...] vom 9. bis ins 11. Jahrhundert zu einem entscheidenden Faktor des Aufschwungs für das wirtschaftlich daniederliegende Abendland wurden“.

Tidiane N’Diaye

Über den Hinweis der Kastration als „Maßnahme“ im Wikipedia-Artikel ergibt sich möglicherweise eine Begründung, warum es trotz der geographischen Nähe der Türkei zu Afrika nur „zehntausende Afrotürken“ gibt.

Weiterführende Informationen gibt Tidiane N’Diaye bei Jungle World in einem Interview vom 23. März 2017 „über Islam und Sklaverei“ zu Protokoll.

In dem Gespräch erläutert der senegalesische Autor u.a., dass

  • die Araber „bei ihren Rassetheorien über Afrikaner am zynischsten“ waren und Ibn Chaldun im 14. Jahrhundert Schwarzen (ebenso wie den zuvor erwähnten Slawen) „unterschiedslos ein(en) »bestialischem Charakter«“ attestierte,
  • die Araber „verlangten, dass männliche Afrikaner sich einer sogenannten »Leibesoperation« unterziehen, damit diese keinen Geschlechtsverkehr mehr haben können“ (es wurden wahlweise nur die Hoden oder, dies war Pflicht für Eunuchen im Harem, alle primären Geschlechtsteile abgeschnitten), und
  • die „Arabomuslime“ die „schwarzen Völker Afrikas vom 7. bis zum 20. Jahrhundert überfallen“ haben und „fast 1 000 Jahre lang [...] die einzige fremde Macht [waren], die diesen grauenhaften Handel betrieb“, wobei bis zum Auftauchen der Europäer „über zehn Millionen Afrikaner deportiert“ wurden und insgesamt „17 Millionen Menschen“ versklavt wurden.

Tidiane N'Diaye, der das bei Rowohlt veröffentlichte Buch „Der verschleierte Völkermord – Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels“ (ISBN 978-3-498-04690-3) veröffentlicht hat, war damit zwischenzeitlich auch Thema eines Beitrags im ZDF-Magazin Aspekte, der
auf YouTube unter dem Link youtube.com/watch?v=zb9VDrQQduw zu finden ist bzw. nachfolgend eingebunden ist:

Deutlich intensiver setzte sich übrigens Arte mit dem Thema auseinander – und zwar in einer vierteiligen Reihe. Zum ersten Teil finden sich hier auf programm.ard.de ein paar Informationen.

Der Spiegel als Spiegel seiner Zeit

Um dann endlich die Eingangsfrage zu beantworten: Der Spiegel-Text, aus dem das Eingangszitat stammt, wurde am 22. August 1956 veröffentlicht. Mithin ist das fünf Jahre alte Zitat aus dem Jahr 1951.

Inhaltlich geht es in dem Artikel „Arabien / Sklavenhandel – Ein ehrsames Gewerbe“ ausschließlich um den (damals) weiterhin aktiven Sklavenhandel in Saudi-Arabien. Ansonsten fällt auf, wie sehr sich der Sprachgebrauch bei dem Hamburger Wochenblatt gewandelt hat. Formulierungen wie

„Im April 1954 meldete sich ein zum Skelett abgemagerter Neger namens Awad el-Dschaud bei der französischen Kolonialpolizei in Westafrika“

oder

„Als mohammedanische "Missionare" getarnt, bewegten [die saudiarabischen Sklavenhändler] die mohammedanischen Neger zu einer Pilgerfahrt zu den Heiligen Stätten des Islams“

finden sich heute nicht mehr in den Texten.