Glaube und Recht und Glaubensrecht

Zu der Reihe der Beobachtungen und Notizen, die unfertig im Archiv liegen, gehörten bis jetzt auch die nachfolgenden Links. Aufhänger war vor etwa anderthalb Jahren ein Focus-Artikel vom 12. März 2018, der sich mit einem „Ehrenmordversuch“ [so die Dachüberschrift] in Baden-Württemberg beschäftigt. Eine 17-jährige, die nach islamischen Recht mit einem 34-jährigen verheiratet gewesen sei, habe sich für die Liebe entschieden – und damit für einen 27-jährigen Flüchtling aus Libyen, von dem sie bereits schwanger war. Ihr Mann und ihr Bruder hätten sie dann daraufhin mit Messern und Rasierklingen attackiert, heißt es weiter, und ihr „die Mundwinkel aufgeschlitzt und in den Bauch gestochen“. Laut Vorspann soll der Vater eigenen Angaben zufolge der Tochter zwar das Leben gerettet haben, habe „im Nachhinein jedoch nur wenig Mitleid“ mit seiner Tochter gezeigt und „sich auf die Scharia“ berufen.

Regelmäßige Leser des eher seriöseren Teils der Springer-Presse werden sich dann vielleicht noch an ein am 17. Mai 2016 veröffentlichtes Essay von Henry M. Broder erinnern, das dieser – thematisch durchaus passend zum ersten Absatz – mit „Die Scharia gehört zu Deutschland“ betitelt hat. Darin macht er sich so seine Gedanken über die „hochgradig hysterisch(e)“ Debatte, „wer oder was zu Deutschland gehört“. Darin zitiert er u.a. Aydan Özoğuz, von Dezember 2013 bis März 2018 Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration im Rang einer Staatsministerin, welchen Weg sie für richtig halte („Das Zusammenleben müsse 'täglich neu ausgehandelt' werden“) und legt Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit November 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, ein Wunschzitat in den Mund (ein tatsächliches Zitat folgt weiter unten).

Broder blieb mit seinem Essay sich und seiner jedenfalls treu, denn es gibt bereits vom 8. Februar 2008 eine „Polemik“ auf Spiegel.de, in deren Rahmen er bereits in der Überschrift „Scharia ist für alle da!“ konstatiert. Aufhänger ist in dem Fall der Erzbischof von Canterbury gewesen, der damals vorgeschlagen hat, „die Scharia in Großbritannien teilweise einzuführen“. Bevor sich Broder jedoch dem Würdenträger widmet, listet er eine Reihe von konkreten Beispielen aus drei Königreichen auf (Niederlande, Belgien, Vereinigtes Königreich).

Was Broder ausgelassen, ist indes ein beispielreicher Beitrag aus dem Hamburger Wochenblatt, der weniger als ein Jahr zuvor am 26. März 2007 erschien, von einem kopfreichen Gespann verfasst wurde (Matthias Bartsch, Andrea Brandt, Simone Kaiser, Gunther Latsch, Cordula Meyer, Caroline Schmidt) und suggestiv fragt: „Haben wir schon die Scharia?“

Es gibt jedoch auch Gegenmeinungen zu Publizisten wie Broder, wie ein Beitrag vom 8. Januar 2018 auf der mittlerweile eingestellten HuffPost Deutschland zeigt: „Die Scharia gilt schon längst in Deutschland - doch ganz anders, als viele denken“ (Web-Archive). Die Pointe, die sich hinter dem Text verbirgt, soll hier nicht aufgelöst werden – sonst geht ja die Überraschung verloren. Möglicherweise ist das aber auch nur Whataboutism.

Wenig Überraschung für Korankenner birgt indes der Blogbeitrag von Philipp Anton Mende vom 1. September 2017 („Der Islam als Dauerbrenner“), in dem er u.a. aus „Koran. Der Heilige Qur-ân“, herausgegeben von Verlag Der Islam, die Suren 8.40, 48.29 und 61.10 zitiert.

Weiter oben wurde ja schon kurz Heinrich Bedford-Strohm erwähnt und auf den ersten Blick mag es irritieren, dass er hier mit einem Focus-Artikel vom 30. März 2018 verlinkt wird, bei dem es plakativ in der Überschrift heißt, dass er „irritiert“ sei „von Christen, die AfD wählen“. Der Zusammenhang ergibt sich im Verlauf des Beitrags, genauer im Abschnitt nach der ersten Zwischenüberschrift, der sich mit der Debatte beschäftigt, ob der „Islam zu Deutschland gehört“:

„Voraussetzung dafür ist, dass sich alle, die in Deutschland leben wollen, an die Regeln halten, die in unserer wunderbaren Verfassung, dem Grundgesetz, festgeschrieben sind.“

Von Imad Karim indes wurde dieser Beitrag am 14. November 2017 mit den Worten "eine Bestandsaufnahme der politischen und gesellschaftlichen Situation" und "Pflichtlektüre" geteilt:

PS:
Falls Leser Pressetexte aus dem laufenden Jahr vermissen... Da sich Broder in seinem 2008er-Text ja auch auf das Vereinigte Königreich bezogen hat, sei auf einen Text des Humanistischen Pressedienstes vom 1. März verlinkt, der vorrangig eine islamische Schule in Birmingham behandelt, in der „Mädchen erst dann mit dem Mittagessen beginnen, wenn die Jungs ihr Mittagessen beendet haben“.