Herrn Reuls Kampagne, ein Gewinner und die Nachbetrachtung

Der NRW-Innenminister Herbert Reul hat jüngst Aachener „KoWis“ (Kommunikationswissenschaftler) ausgezeichnet bzw. mit einem Preisgeld beglückt, die Kampagnenentwürfe für das Linksextremistenaussteigerprogramm „left“ erstellt haben. Unter den Siegern: ein junger Mann, der extracurricular Mitglied einer akademischen Vereinigung ist, die unter dem Namen „Aachener Burschenschaft Teutonia“ auftritt.

In den Social Media, hier: Twitter, fanden sich denn auch vergleichsweise schnell einige klare Botschaften, so u.a. von @watch_union und dem (ordentlich mit Impressum bloggenden) @Barschlamperich (beide Tweets vom 20. Dezember 2018).

Eine journalistische Begleitung, die teils auch Tweets verarbeitete, gab es ebenfalls.

ak[due]ll

So berichtete ak[due]ll – studentische Monatszeitschrift für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet am 20. Dezember 2018 in dem Artikel Aussteigerprogramm Linksextremismus: Burschenschafter vom Innenministerium prämiert über den Sachverhalt.

Als Spielbild über den Artikel setzten sie ein Bild von der Weinheim-Tagung des pflichtschlagenden Dachverbands Weinheimer Senioren Convent (WSC), im Artikel interpretierten sie einen Bericht über eine Kranzniederlegung in Langemarck dahingehend, dass der Verfasser (der von Reul ausgezeichnete Student) auch an die Soldaten erinnere, „die direkt am Holocaust beteiligt waren sowie an der Durchführung und Planung vom Angriffs- und Vernichtungskrieg der Nationalsozialist*innen.“

Neues Deutschland

In seinem Beitrag Aussteigerprogramm "Left" – Mit Burschenschaftern gegen den »Linksextremismus« weckt Sebastian Weiermann für das Neue Deutschland am 21. Dezember 2018 im Vorspann mit der Formulierung „Bei seinem Aussteigerprogramm für Linke holt sich Nordrhein-Westfalens CDU-Innenminister Herbert Reul Hilfe von Rechtsaußen“ eine gewisse Erwartungshaltung.

Im Fließtext kann er diese Erwartungshaltung zu Beginn jedoch nur bedingt erfüllen, wenn er skizziert, dass der Verfassungsschutz „die Teilnehmer eines Seminars »Die Sprache des Extremismus« von Professor Dr. Thomas Niehr am Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen“ zu einem Ideenwettbewerb „für den visuellen Auftritt des Präventionsprogramms“ „Left“ aufgefordert habe.

Den notwendigen Spin zum Vorspann erhält der Artikel durch die nachfolgenden Absätze, die sich mit der Autorenschaft in einer burschenschaftlichen Verbandszeitung beschäftigen – schließlich hat der ausgezeichnete Student einen Beitrag über eine Kranzniederlegung in Langemarck geschrieben, was als Mythos seinen Höhepunkt im Nationalsozialismus hatte. Zudem Zudem gehören dort (in der Verbandszeitung) der „Chef der neurechten »Jungen Freiheit«“ und eine Mitgründer der jüngsten Bundestagspartei zu den Autoren, es gibt Anzeigen vom „neurechten »Cato-Magazin«“ sowie jener hier namentlich nicht genannten Partei, in der auch zwei sogenannte Alte Herren der Aachener Burschenschaft aktiv sind (als Landtagsabgeordneter und als Vorstandsmitglied einer parteinahen Stiftung).

Der Artikel schließt damit, dass der Verfassungsschutz die öffentlich zugänglichen Informationen über die Teilnehmer nicht vor dem Wettbewerb überprüft habe und „die »Teutonia Aachen« und die »Allgemeine Deutsche Burschenschaft«“ keine Beobachtungsobjekte des Verfassungsschutzes seien.

Bento

Ebenfalls am 21. Dezember gibt es auch seitens der Hamburger Wochenblattablegers Bento einen Beitrag über die Causa: NRW-Innenministerium vergibt Preis an Burschenschaftler – für seine Idee zum Linksextremismus.

Autor Phil Göbel legt in seinem Text dar, „um welchen Preis es geht – und warum sich jetzt manche aufregen“. Dabei geht er deutlich weniger politisch als die beiden anderen Medien vor und knüpft auch keine so starken Verbindungen in die Vergangenheit bzw. zu Aspekten, die nur über Bande gespielt mit der Person des Studenten zusammenhängen.

Seine vergleichsweise journalistische Vorgehensweise wird denn auch am Fazit sichtbar, dass stärker als die anderen nicht nach Meinungsbeitrag aussieht: Weder dem Studenten noch seine Verbindung könne "man rechtsextreme Verbindungen nachweisen. Die Vergabe des Preises kann man kritikwürdig finden, antastbar ist sie nicht.“

Anonym betrieben

Eine andere, klare Haltung mit deutlich mehr persönlichen Informationen bzw. Recherche im Detail findet sich dann auf verschiedenen Seiten, die üblicherweise kein Impressum nach geltendem Recht aufweisen. Ein Beispiel ist aa170.noblogs.org/post/2018/12/22/innenministerium_in_rechter_gesellschaft/.