Sparer sind keine Opfer der EZB-Niedrigzinspolitik

In einem Zeit-Gastbeitrag vom 7. September, der auf Focus.de zweitverwertet wurde, spricht Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, große Worte gelassen aus: Sparer seien gar nicht die Opfer der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank und die Kritiker der Geldpolitik würde wichtige Fakten ausblenden. Eines seiner Argumente: Weil 40 % der Deutschen kein nennenswertes Vermögen hätten, wäre ihnen der Zinssatz auf nichtexistente Sparguthaben egal. Ein anderes Argument: Der Staat habe niedrigere Zinsausgaben, weshalb er in den letzten zehn Jahren „die Sozialausgaben deutlich“ erhöhen konnte und den „Soli“ abschaffen werde.

Die Kürzestbiographie Fratzschers geht nur auf seine aktuelle, seit 2013 gehaltene Stelle ein. Zuvor war er ab 2008 bei der EZB als Abteilungsleiter beschäftigt, so Wikipedia. Ansonsten weist einer der (an sich durchgängig kritischen) Leser darauf hin, dass Fratzschners DIW ja steuerfinanziert sei (laut Wikipedia aber nur zu je einem Viertel von Land Berlin und Bund - der Rest seien „Einnahmen aus Projekten und Aufträgen Dritter sowie Beiträge der Kuratoriumsmitglieder und Spenden“).

Kontextuell sei der Artikel „Wir Deutschen sparen viel zu viel“ von Welt-Wirtschafts- und Finanzredakteur Karsten Seibel empfohlen, der am 2. November 2014 ein Interview mit Asoka Wöhrmann von der Deutschen Bank veröffentlichte. Dessen Appell: „Gebt mehr Geld aus!“ Denn „wir Deutschen sparen viel zu viel“ - und zwar zum damaligen Zeitpunkt rund 70 Prozent des Vermögens in Form kaum noch verzinster Liquidität, was nach Abzug der Inflation einen realen Wertverlust zur Folge habe.

Gut fünf Jahre später griff Gerald Braunberger für die FAZ (genauer: am 9. August 2019) das Thema in seinem Artikel „Negativzinsen sind Ausdruck von zu viel Sparen“ auf. Das Zitat ist dabei eine Aussage des Schweizer Bankhauses Julius Baer.

Das Thema zieht sich aber schon länger hin, denn beispielsweise im Dezember 2012 führte das Hamburger Wochenmagazin Der Spiegel das Interview „Die Deutschen sparen sich zu Tode“ mit dem Ökonom Peter Bofinger.

Und für die Zeit kommentierte Uwe Jean Häuser am 12. Januar 2017 schlicht Verkaufte Sparer.