Spiegel-Leser kommentieren 2

Im Nachgang zu diesem Blog-Artikel von September 2019 (speziell dem Abschnitt „Herbert und Heiko“) seien hier noch einmal zwei Wortmeldungen vertieft.

Die erste stammt von Bernd Stegemann auf Twitter und wurde schon in dem vorgenannten Blog-Beitrag kurz erwähnt:

Es lohnt sich durchaus, die Grönemeyersche Wortmeldung in voller Länge zu hören, weil sich dann nachvollziehen lässt, warum Stegemann diesen Vergleich zieht – eben weil Grönemeyer die ersten 21 Sekunden eine vergleichsweise „normale“ Stimme. Dann überschlägt sie sich, was insbesondere mit dem Abschnitt

„und wir müssen diesen Leuten so schnell wie möglich und ganz ruhig den Spaß daran austreiben – kein Milimeter nach rechts“

kontrastiert (0:41–0:49).

In den Kommentaren unter dem Tweet findet sich jedenfalls eine Menge Gegenwind, den Stegemann sogar bis ins Hamburger Wochenblatt Der Spiegel produziert hat. Jedenfalls fragte (die hier mehrfach verlinkte) Margarete Stokowski schon in der Überschrift ihrer Kolumne vom 17. September: „Bis wie viel Dezibel ist Antifaschismus erlaubt?“

Auf Spiegel.de erging es ihr dann wie Stegemann auf Twitter, d.h. sie musste kritische Kommentare einsammeln, von denen einige nachfolgend auszugsweise (und ohne weitere Korrekturen am Text) zitiert sind:

kretikus
6. Doppelten Maßstäbe
Was micht stört sind die doppelten Maßstäbe die so häufig angewandt werden. Solange es moralisch "richtig" ist, kann man und soll man sogar Gesetze übertreten ... Dies stört mein Rechtsempfinden seht stark. Kann man der Afd nicht besser begegnen? Vielleicht so, dass die Sympatisanten nicht noch stärker in Richtung Afd gedrängt werden? Ich erlebe das regelmäßig, dass diese Menschen als Reaktion direkt zu machen und nicht mehr ansprechbar sind. Jegliches Gespräch wird dann direkt abgeblockt.

_spon_4me
8. Grönemeyer
wird kritisiert? Weil die eine clicksüchtige Labereule an den Sportpalast denkt und der nächste hauptberufliche Kommentarspaltenvollschreiber sich an die Reichsparteitage gemahnt fühlt? Da braucht es ja heute nicht mehr viel, um in Ihrer Welt zu trenden, Margarete. Aber eine Frage: Wieso schreibt Herr Grönemeyer eigentlich kein Lied gegen Rechts? Ich bin kein Experte, aber mir fällt als guter Song zu dem Thema momentan nur "Schrei nach Liebe" von den Ärzten ein. [...]

japhet
10. Falsch zitiert
Ja - gegen Faschismus muss jede Lautstärke erlaubt sein. Und jede Maßnahme, welche mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Herbert aber hat sich im Ton vergriffen! Er hat diktiert, dass man keinen Millimeter "nach rechts" rücken dürfe. Das ist für Linksextremisten ein Freibrief dafür, ihre Positionen unter dem Deckmantel des Antifaschismus weiter auszubauen und jede Bewegung in Richtung Mitte zu verweigern.

arvenfoerster
13. Antifaschismus spaltet
Der gewählte Ansatz ist falsch. Er ist rein reaktiv und überlässt den Rechtsextremen die Hoheit über die Debatte. Hinzu kommt, dass der von Margarete Stokowski vorgegebene Weg von mir verlangt, dass ich mich an die Seite von Personen stellen soll, die mich nicht weniger als Feind betrachten, als diejenigen gegen die sich auf der anderen Seite der Polizeikette befinden, die Ziele vertreten, die nicht demokratischer sind, als die der Rechtsextremen, [...] die mir nicht weniger mit Verfolgung und Gewalt drohen, als die Rechtsextremen. Kurz gesagt: der Begriff des Antifaschismus spaltet, anstatt für demokratische Werte zu einen. Er bahnt nur einer Polarisierung unserer Gesellschaft den Weg, die mir ausschliesslich die Wahl derjenigen überlässt, die mich verfolgen. Nie wieder eine sozialistische Diktatur, egal ob in Rot oder Braun!

qwertreiber
15. Zweifel
Unabhängig von der Lautstärke frage ich mich, ob sich Antifaschismus einen Gefallen tut, wenn er sich in Summe wie Faschismus anhört? Man kann keine Botschaften transportieren, wenn die Wahrnehmung der Botschaft (unabh. vom Inhalt) auf Ablehnung stößt. Menschen werden einfach nicht gern fanatisch angeschrien.

b1964
16. Widerspruch!
Ich muss dem Beitrag prinzipiell widersprechen. Das Menschen- und Gesellschaftsbild unseres Grundgesetzes ist anders: Zunächst einmal ist jede Meinungsäußerung legal, auch wenn sie antidemokratisch oder nationalistisch ist und nicht die Gleichwertigkeit aller Menschen akzeptiert. [...] Aber wenn ich andersdenkenden den Mund verbieten oder sonst entrechten würde, dann bin ich selbst nicht viel besser als diese. Und ich persönlich weigere mich, Links als gut und Rechts als böse zu plakatieren. Die Nazis haben die millionenfache und industrielle Ermordung von Juden und anderen "unwerten" Lebens auf dem Gewissen. Aber die Linken haben Stalin und Pol Pot in ihren Reihen. Es ist keine Relativierung der Naziverbrechen, wenn ich der Meinung bin, dass ich den linken Totalitarismus ebensowenig demokratisch billige, wie den rechten Rassismus und Nationalsimus. [...] Grönemeyer ist kein Politiker, aber ein öffentlicher Mensch. Seine Meinungsäußerung ist legitim, aber er verlässt in meinen Augen den poltischen demokratischen Diskurs, in dem er die Rechten mundtot machen will. [...]

fjodfjod
20. Doppelte Standards wie immer
Auf einmal ist in dem Milieu, der sonst peinlich genau jede Sprachnuance bei Rechten in Zusammenhang mit dem dritten Reich bringt, die Form einer Aussage egal, wenn man dem Inhalt zustimmt. Ganz klassischer Fall von Doppelstandards, liebe Frau Stokowski. Die ganze Akrobatik drumrum können Sie vergessen: das fällt jedem auf. [...]

MichaelundNilmar
23. Die Grönemeyers dieser Welt
[...] Mir persönlich fehlt hier die politische Balance und mir gefällt offen gesagt, Grönemeyers Anspruch auf die richtige Meinung und den richtigen Umgang mit der Meinungsfreiheit, lautstark auf der Bühne gegen Bezahlung in s Mikrofon gebrüllt, überhaupt nicht. [...] Ausgelassen wird bewußt oder weil Grönemeyers schöne Welt dann Kratzer bekommt, die ganze Wahrheit und hier fehlen religiös motivierte Vorurteile und religiös motivierter Rassismus bis hin zu tödlichen Anschlägen unterschiedslos gegen Frauen und Kinder, Linke wie Rechte, welche die Gesellschaft zu zerrreisen drohen [...] Das Aufgebot an Polizisten, welche die Masse dieser Terrorverdächtigen in Schach halten müssen, bereitet mir persönlich Kopfschmerzen. Von daher komme ich auf Margaretes Stokowskis letzten Satz zurück. Der gefällt mir. Wir sollten aber alle Gefahren, welche unsere Demokratie gefährden, bekämpfen. Der Kampf beginnt mit der Wahrheit und nichts als der Wahrheit oder wie Augstein formulierte: Sagen was ist. Von daher vermisse etwas in Stokowskis letztem Abschnitt.

komentisto
29. ich reihe mich in die
Kritik an Grönemeyer ein. Ich kritisiere aber nicht die Form sondern den Inhalt. Wenn Grönemeyer " diktieren möchte, wie eine Gesellschaft auszusehen hat" ist er genausowenig ein Demokrat, wie diejenigen, die er kritisieren will. Dabei spielt es keine Rolle, ob er es brüllt, oder flüstert. Es ist nicht akzeptabel ! Genauso wie im Umgang mit politisch rechten Positionen bleibt auch hier die Kritik bei der Darbietungsform stecken (vergleiche auch abgebrochenes Interview mit Höcke). [...]

igor_plahuta
43. Opportunismus wohin man sieht
Wenn eine Gesellschaft Lautstärke braucht, und jeden Millimeter nach Rechts vermeiden muss, dann hat die Gesellschaft bereits im Ansatz versagt. Es geht nämlich um Ruhe, Sachlichkeit, und Intelligenz, mit der man Faschismus und Rechtsextremismus begegnen muss. Faschismus und Rechtsextremismus sind Notsignale einer asozialen Gesellschaft. [...]

gedankenzu
44. Als Sänger gut, als politische Person erträglich......
deshalb nur erträglich, weil er das Recht für sich in Anspruch nimmt, politisch eindeutig Stellung zu beziehen. So ist er gut zu verorten. [...] Den Leuten diktieren zu wollen, wie ne Gesellschaft auszusehen hat, ist faschistoid und lässt das Drangsalierende aller Linken durchbrechen, die die Gesellschaft nach ihrer Pfeife tanzen lassen wollen. Für einen millionenschweren Sangesbarden macht es sich immer gut, dem linken Affen sein Zückerchen zu reichen. Mich stört, dass man ihn politisch auf eine Stufe mit seinem Gesang stellt. Mir persönlich reicht sein Gesang.