Statistiken muss man selbst zuschneiden — zum Beispiel mit Wikipedia

Wenn es nach Holger Dambeck vom Hamburger Wochenblatt Der Spiegel geht, waren „Ossis schon benachteiligt, als es noch gar keine Ossis gab“. Der Artikel vom 28. September gehört zur Reihe „Wir seit '89“ und konstatiert, dass die Chefs in Wirtschaft, Medien, Kultur und Wissenschaft „fast immeraus Westdeutschland“ kämen.

Als „Seismograph für die Situation in Deutschland“ eigne sich die Wikipedia, die eine Menge von Personenartikeln führe — was „in den meisten Fällen“ mit der jeweiligen „beruflichen Karriere der betreffenden Person“ zusammenhänge.

Bei einer Datenanalyse wurden 35.000 Artikel zu Personen ausgewertet, deren Geburtsort in den Grenzen der heutigen Bundesrepublik liegt. Ergebnis:

„Liegt der Geburtsort einer Person in Westdeutschland, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass über diese Person ein eigener Wikipedia-Artikel existiert. [...] Im Jahrgang 1960 gibt es über 12 von 10.000 in Westdeutschland Geborenen einen Personenartikel - unter den Ostdeutschen ist die Quote nur halb so hoch. Ab dem Jahr 1990 sind die Quoten nahezu identisch.“

Als Grundlage für diesen Unterschied wird angenommen, dass die Menge an urbanen Ballungsräumen im Westteil ebenso dazu beiträgt wie das im Sozialismus abtrainierte Interesse an Selbstmarketing. Zum ersten Punkt wird der Görlitzer Sozialwissenschaftler Raj Kollmorgen zitiert: Die „unterdurchschnittliche Präsenz Ostdeutscher“ habe „weniger mit der DDR als mit den Strukturen zu tun, die sich in Deutschland seit dem Mittelalter entwickelt“ hätten.

Die Wikipedia-Community diskutiert seit dem 28. September den Artikel auf der Unterseite „Relevanzkriterien > Diskussion“ (Stand 3. Oktober) und macht sich dabei Gedanken, wo der Der Spiegel-Artikel möglicherweise gewisse Mängel haben könnte. Ein Autor weist beispielsweise daraufhin, dass „selbst bei gleichmäßiger Verteilung der Autoren [...] nur 15% unserer Autoren aus Ostdeutschland kommen“ würden — und Autoren durchaus regionale Interessen haben, was Lücken erklärt.

Ein anderer erklärt, „dass das hier eine Enzyklopädie von Freiwillligen ist, die über das schreiben, was sie wollen und keine Seite, auf der alles ausgewogen präsentiert werden muss“. Er setzt daher „5 Euro drauf, dass hier südamerikansiche (sic!) Personen im Vergleich anhand der Erdbevölkerung zu europäischen Personen unterrepräsentiert sind“.

Abhängig vom gewählten Zeithorizont, beispielsweise Deutschland in den Grenzen von 1918, wäre „Ostelbien“ indes stärker vertreten als „West- Ostpreußen“, was jedoch die These des Artikels stütze.

In den Kommentaren unter dem Artikel wird ein anderer zeitlicher Bezug aufgemacht: Mit Blick auf frühere Jahrhunderte wären Personen aus Mitteldeutschland als dem geistig-kulturellen Zentrum dieser Zeit deutlich stärker repräsentiert.