Westdeutsche Bundesrepublik, geeintes Europa oder heiliges Deutschland?

Heute vor 65 Jahren kehrte Otto John, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, aus der Deutschen Demokratischen Republik zurück. Zuvor war er am 20. Juli 1954 „ unter jahrzehntelang ungeklärten Umständen“ (Wikipedia) in West-Berlin verschwunden, um anschließend in Ost-Berlin wieder aufzutauchen.

Der Widerständler im und Emigrant aus dem „Dritten Reich“ erklärte in einer DDR-Radiosendung:

„Stauffenberg ist nicht für eine westdeutsche Bundesrepublik gefallen.“
O-Ton Otto John, zitiert aus „WDR 2 Stichtag“ vom 12. Dezember 2020

Im weiteren Verlauf des WDR-Beitrags wird anhand eines nachgesprochenen O-Tons Otto Johns der Kontext bzw. Hintergrund deutlich: „Lass uns in den Osten fahren. Wir brauchen keine Westbindung. Wir brauchen ein geeintes Deutschland. Drüber will ich mit den Sowjets reden. Einer muss es ja tun.“

Der Tagesspiegel aus Berlin, um beispielhaft ein Pressemedium zu nennen, hat die Causa am 14. Juli 2014 journalistisch aufbereitet.

Spätere Generationen hatte auch ihre Vorstellung davon, wofür Claus Schenk Graf von Stauffenberg und die anderen Mitverschwörer gefallen sind. So haben deren Nachkommen 2018 mit einer Initiative (wiedergegeben z.B. beim Tagesspiegel darauf abgezielt, den „Widerstandsakt des 20. Juli 1944 gerade heute in einer Situation der Zerrissenheit in Europa, wieder in den Rahmen der europäischen Idee einzubetten“, wie es der Regierende Bürgermeister Berlins Michael Müller laut eines Redemanuskriptes vom 20. Juli 2018 sagte. Laut Deutscher Welle vom 20. Juli 2018 hob auch „Außenminister Heiko Maas (SPD) die Hoffnungen der Widerständler vom 20. Juli 1944 auf ein friedliches und geeintes Europa hervor“. Wortwörtlich sagte er im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Bendlerblock, dem Innenhof des Bundesverteidigungsministeriums, u.a.: „Europa hat hier seine Wurzeln“.

Laut einer konservativen Wochenzeitung (Beitrag vom 20. Juli 2018) soll auch die Bundeskanzlerin die Widerstandskämpfer für sich „in Anspruch“ genommen haben. Laut dieses Mediums habe sie gesagt, dass sich jetzt entscheide, „ob wir wirklich aus der Geschichte gelernt haben“, und dass damals viele Menschen ihr Leben „für ein vereintes Europa“ gelassen hätten. Außerhalb der „konservativen Blase“ (zum Beispiel bei der hier nicht verlinkten Epoch Times vom 21. Juli 2018) findet sich jedoch keine Quelle für die Aussage der Kanzlerin.

Geht es nach Hans Splinter, Fahrer Claus Schenk Graf Stauffenbergs und Zeuge dessen Hinrichtung, weisen die letzten Worte des Grafen (u.a. hier bei der Welt vom 3. Januar 2017 oder hier beim Focus vom 20. Juli 2020 nachzulesen) tatsächlich nicht auf eine „westdeutsche Bundesrepublik“ (John) oder ein „geeintes Europa“ (Maas):

„Es lebe das heilige Deutschland“