Zwei Meinungsbeiträge aus der Zeit zu den Themen Religion und Grundgesetz

In der jüngst von Horst Seehofer (CSU) angestoßenen Islam-Debatte schrieb Evelyn Finger:

"Man ist konträrer Meinung und empört sich voll klammheimlicher Freude über die Dummheit des anderen. Jetzt stimmen 76 Prozent der Deutschen Seehofer zu, es gab aber auch schon 56 Prozent für Wulff.

Ach, das Deutsche! Es war stets eine explosive Mischung aus Konstruktion und Wirklichkeit. "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" (Horst Seehofer) ist daher genauso wahr und genauso falsch wie "Der Islam gehört zu Deutschland" (Christian Wulff). Es kommt ganz darauf an, ob man den Satz deskriptiv oder normativ meint.

Natürlich war der Islam hierzulande nicht so kulturprägend wie das Christentum, natürlich kann er dennoch zu Deutschland gehören, heute und künftig. Ob man das aber begrüßt, hängt wie beim Christentum davon ab: ob die Religionsgemeinschaft bereit ist, sich unterm Dach des Grundgesetzes zu versammeln und Religionsfreiheit voll zu akzeptieren."
Islam-Debatte : Seehofer gehört zu Deutschland (Zeit, 21. März)

Ausgehend von der Debatte um einen Bundestagsabgeordneten, schrieb Jochen Bittner:

"Würde man zum Beispiel einer Partei, die ihren Mitgliedern verböte, jemals auszutreten, und ihnen androhte, sie im Falle eines Parteiwechsels zu töten, gestatten, sich auf die Parteienfreiheit des Artikels 21 Grundgesetz zu berufen? Ganz sicher nicht.

Warum gilt dies dann nicht analog für die Religionsfreiheit? Glaser hat mit seiner empirischen Behauptung ja völlig recht; dort, wo der Islam Staatsreligion ist, gibt es keine Glaubensfreiheit. Und auf Apostasie, den Abfall vom Islam, steht laut Scharia die Todesstrafe.
[...]
Zur Ehrlichkeit gehört jedoch auch, dass der Mainstream-Islam keine Religion wie die meisten anderen ist, sondern einen Mischcharakter besitzt. Er erhebt den Anspruch, verbindliche Regelungen nicht nur in spiritueller, sondern auch in tatsächlicher Hinsicht zu treffen, inklusive eigener Vorstellungen von Familien-, Erb- und Strafrecht. Deswegen kollidiert der Islam besonders heftig mit vielen Grundrechten. Auch wenn dies zur Frustration mancher Muslime führen mag: Genau in diesen Kollisionsfällen darf der demokratische Rechtsstaat keinen Millimeter von seinen Freiheitsgrundsätzen abrücken."
Das Islam-Paradox – Eine Kolumne von Jochen Bittner (Zeit, 26. Oktober 2017)